Seit kurzem erst gibt es im Brandnertal eine seltsame Neuheit: Steinkreise. Grund genug dort einen Lokalaugenschein vorzunehmen, zumal Gerüchte nicht verstummen wollen, dass das ganze Steinkreisphänomen in Wirklichkeit ein „fake“ (Schwindel, Fälschung) sei. Die Steine seien, so ist zu hören, zum Teil aufgestellt, ja sogar hintransportiert worden. Ist dem wirklich so, müsste das den Steinen noch anzusehen sein. Eine Besichtigung genügt also vorerst, um den Argwohn zu nähren oder zu zerstreuen.
40 Jahre Forschung
Wir bitten den fachkundigen Professor der Univ. Amsterdam Leo W.S. de Graaff, einen auch hierzulande in hohem Ansehen stehenden Geologen, Geographen, Forscher und Gutachter mitzukommen. Prof. Leo de Graaff forscht mit seinen Kollegen und Studenten seit 40 Jahren für die Research Foundation for Alpine und subalpine Environments (RFASE) auch in diesem Gebiet des Brandnertales. Holland sei Dank!
Einzigartiger Reichtum
“Im Bereich der Gemeinden Bürs, Bürserberg und Tschengla ist ein einzigartiger Reichtum an eiszeitlichen Geländeformen und Ablagerungen vorhanden, die gemeinsam das Prädikat Weltnaturerbe verdienen. Das Mündungsgebiet des Brandnertales ist nicht nur für Geologen interessant. Es handelt sich um einen Reichtum, der auch mit Stolz von Einwohnern des Tales als geologisches Naturschutzgebiet betrachtet werden sollte“. Leo de Graaff fügt hinzu: „Besonders bemerkenswert sind hier die natürlichen Gneissblöcke. Sie sind zu vergleichen mit mehr als 15.000 Jahre alten Uhren, deren Alter sich neuerdings über das sogar wissenschaftlich exakt bestimmen lässt, wenn sie nachweisbar unbeschädigt sind und ihre ursprüngliche Lage nicht verändert wurde. Sollte das aber geschehen, würde eine schützenswerte Geotopreihe fahrlässig zerstört. Wir wollen mit den Messungen und Laboranalysen im nächsten Jahr beginnen.“
Urplötzlich entdeckte Steinkreise
Eben dieser von Leo de Graaff reklamierte Stolz könnte mit den urplötzlich aufgetauchten „prähistorischen“ Steinkreisen etwas übereifrig sich eingestellt haben. Laut Aussagen der Anwohner kommen in der letzten Zeit viele Steinkreistouristen („Esos“) ins Brandnertal. Stonehenge auf der Tschengla? Das lässt die Phantasie wuchern und vielleicht auch geologische Schätze zerstören. Indes wird das Brandner Steinkreiswunder bereits in der Tourismuswerbung angepriesen. Dort ist von einer „Entdeckung“ von einem „ganz neuen Kapitel europäischer Urgeschichte“ die Rede; weiter vom „Kraft schöpfen aus dem Verborgenen“ und von einer geheimnisvollen Botschaft.“
Vor Jahrtausenden angelegt??
Auch „die Göttin Raetia, die Herrin der Natur“ wird bemüht: „Die gewaltigen, neolithischen Steinkreise (5000 bis 1900 v. Ch.) am Bürserberg lassen Kinder und Eltern deren wahre Bedeutung nur erahnen.“ Kraft und Zauber seien spürbar. Jeder, der diesen Ort besuche, werde die von ihm ausgehenden Mystik wahrnehmen. Die Steine seien vor Jahrtausenden angelegt worden.“ (zit. Tourismuswerbung)
Däniken lässt grüßen
„Zauber, eine Göttin Rätia, Verborgenes, geheimnisvoll, Urgeschichte, wandeln, Fluß des Lebens, spürbare Kraft, geweihtes Wasser, Herrin der Natur, Mystik, Ausstrahlung, Botschaften … „ Däniken lässt grüssen. Bald werden Ufos landen und grüne Männchen aussteigen und wer weiß, ob nicht auf der Tschengla noch ein versteinerter Ötzi („Brandi“) zu Bekämpfung des Sommerlochs ausgependelt wird. Frisch aufgestellte Wegweiser führen uns endlich zum „mystischen Geheimnis“.
Peinlich
Als wir ankommen, erblicken wir einen esoterischen Kindergarten mit frischen Baumstammbänklein, dessen Ausstrahlung weder mystisch noch geheimnisvoll sondern eher peinlich und lächerlich ist. „Da kriegst einen Lachanfall, wenn du die Steinkreise vom Bürserberg siehst“, schreibt ein User. Es stimmt. Die Steine sind zu 90 Prozent auf der einen Seite gelblich weiß und auf der anderen Seite moosbewachsen und grau verwittert. Ein deutliches Zeichen, dass sie noch vor kurzem zur Hälfte in der Erde gelegen sind. Einzelne weisen Bruchspuren auf, scheinen zurechtgehauen worden zu sein. Außerdem sind die meisten Steine eher mickrige Steinchen, von den geologisch wertvollen großen Blöcken wurden offenbar „nur“ etwa 3-4 „umgelegt“. Der Argwohn ist bestätigt. Die Steine scheinen tatsächlich aufgestellt oder hingecaterpillert worden zu sein.
Aufklärung tut not
„Früher bin ich dort gerne gewandert, heute schaut es dort aus wie auf einem Friedhof, das Ganze ist ein Schmarren“ erzählt uns ein Bewohner. Wir fragen uns, ist „Steinkreismachen“ die neue Tourismuslinie? Statt die seinerzeit von Dir. Walter Krieg begonnene Förderung des Tales als geologische hochinteressante Attraktion zu vertiefen, greift man zu fragwürdigen Methoden. Zu den Steinkreismachern gehören jedenfalls nicht nur der „Entdecker“ mit seiner Wünschelrute, sondern auch die „Decker“, die Medien und offensichtlich auch die Druidenabteilung des Brandner Tourimusverbands. Derlei Schamanen sollten sich schämen.